Der Kampf der Freikorps um die Existenz des Reiches vor 90 Jahren
Vor 90 Jahren tobte in Deutschland der Bürgerkrieg. Bolschewisten drohten die Macht zu übernehmen. Die SPD, die durch die Novemberrevolution 1918 an die Macht gekommen war, drohte von moskauhörigen Elementen überrollt zu werden. Ihrer Regierung eilten Männer zu Hilfe, die politisch völlig andere Auffassungen vertraten. Eine tragische Entwicklung begann.
Die Freikorps entstanden in den Wirren der November-Revolution von 1918. Der Aufstand der Matrosen hatte Ende Oktober den Anfang vom Ende des Kaiserreiches eingeleitet. Deutschlands innere Ordnung war auf das Schwerste bedroht. Das Land drohte bolschewistisch zu werden. Die Spartakisten um Liebknecht und Luxemburg witterten Morgenluft und hetzten die Massen gegen die Träger der bestehenden Ordnung auf.
Dabei entflammte die Revolution nicht etwa im Feldheer, das vier Jahre grausamen Stellungskrieg hinter sich hatte, sondern in der Marine, deren Großkampfschiffe seit 1916 kaum noch ausgelaufen waren. Seit der im Ergebnis unentschiedenen Skagerrak-Schlacht hatte sich der Seekrieg auf die kleinen und wendigen Torpedoboote und die U-Boote verlagert. Die Matrosen der Kreuzer und Schlachtschiffe hielten sich meist in den Häfen auf und hatten viel Zeit, um die Agitation von Spartakisten und Pazifisten verschiedener Richtungen aufzunehmen. Den Matrosen redeten die roten Agitatoren ein, man wolle sie in den sicheren Tod schicken, nur um den Ehrgeiz der militärischen Führung zu befriedigen.
Drohendes Chaos im Reich
Da bricht die Meuterei aus: die Heizer löschen am 30. Oktober auf mehreren Schiffen das Feuer unter den Kesseln. In Kiel entsteht ein revolutionärer Matrosenrat. Bald flattern die roten Fahnen der bolschewistischen Revolution über Hamburg, Lübeck, Wilhelmshaven, Cuxhaven und den anderen Marinestandorten an Nord- und Ostsee. Am 6. November tauchen die ersten roten Matrosen in Berlin auf. Die politische Führung des Reiches ist gelähmt. General Wilhelm Groener empfängt als Generalquartiermeister der Obersten Heeresleitung eine Delegation der SPD mit dem Parteivorsitzenden Friedrich Ebert an der Spitze. Der fordert den Rücktritt des Kaisers, läßt aber zugleich erkennen, daß man eine Revolution verhindern wolle.
Unterdessen überschlagen sich die Ereignisse. In München muß König Ludwig III. aus seiner Residenz fliehen. Ein Arbeiter- und Soldatenrat ruft eine sozialistische Republik in Bayern aus. In vielen anderen Teilen des Reiches bricht der Aufruhr jetzt ebenfalls offen aus. Überall werden Räte gebildet, die die Regierungsgewalt an sich reißen. Rote Matrosen fahren in Eisenbahnzügen aus den Kriegshäfen in die Reichshauptstadt. Kaum einer von ihnen wird aufgehalten.
Der Reichskanzler Max von Baden ist am Abend des 8. November mit seinen Nerven am Ende. Er beschwört den Kaiser abzudanken, doch dieser zögert noch und will den Aufruhr mit Fronttruppen niederschlagen. Schließlich muß am nächsten Tag auch Wilhelm II. im Großen Hauptquartier in Spa den Ernst der Lage erkennen und verzichtet auf den Thron. Damit hat der Oberste Kriegsherr die politische Bühne verlassen, die Hohenzollern-Monarchie ist Geschichte. Das Reich droht nun im Chaos zu versinken.
Wieder kommt es zu Kontakten zwischen den Vertretern der alten Ordnung und der Sozialdemokraten. Schließlich überträgt Max von Baden in Berlin das Amt des Kanzlers an Friedrich Ebert. Dessen Genosse Philipp Scheidemann ruft vor dem Reichstag die Republik aus. Wenig später wiederholt der Spartakistenführer Liebknecht das Schauspiel noch einmal vom Balkon des Berliner Stadtschlosses aus.
Bisher ist die Revolution relativ glimpflich verlaufen. Doch bald wird viel Blut fließen. Die enthemmten Spartakisten machen nun Jagd auf uniformierte Offiziere. Man reißt ihnen die Rangabzeichen herunter. Der Mob regiert auf den Straßen. Vor der Reichskanzlei ertönt das Geschrei der Straße: »Nieder mit den Verrätern an der Revolution! Nieder mit Ebert und Scheidemann!« In dieser Nacht geht in den Räumen der nur noch schwach bewachten Regierungszentrale die Erinnerung an den russischen Ministerpräsidenten Kerenski um. Dieser ebnete 1917 den Bolschewiken zunächst den Weg zur Macht, um dann bald von ihnen gestürzt und ins Exil gejagt zu werden. Dieses Schicksal wollen die Mehrheitssozialdemokraten um jeden Preis verhindern. Zum Symbol des Bündnisses zwischen der alten Armee und den neuen Machthabern sollte der SPD-Reichswehrminister Gustav Noske werden.
Für die Regierung wird es gefährlich
Inzwischen wurde am 11. November in Compiègne der Waffenstillstand unterzeichnet. Nach und nach werden nun die Truppen ins Reich zurückgeführt. Oft werden die Befehle verweigert. Alles läuft auseinander. Um sich wenigstens auf einige militärische Kräfte stützen zu können, muß die Regierung Zulagen gewähren: drei Mark pro Tag und zusätzlich eine Mark für jede Stunde Wachdienst. Die kaiserliche Armee war zu einer Söldnertruppe geworden. Nur ganz allmählich gelingt es, regierungstreue Truppenteile zusammenzustellen.
In der Reichshauptstadt spitzt sich die Lage indes immer mehr zu. Eine Reichskonferenz der Arbeiter- und Soldatenräte wird einberufen, daneben auf Betreiben der Sozialdemokraten auch ein Berliner Zentralkomitee der Arbeiter- und Soldatenräte. Man versucht, die verschiedenen revolutionären Gruppierungen gegeneinander auszuspielen, um Zeit zu gewinnen. Kurz vor Weihnachten, am 23. Dezember 1918, wird die Lage für Ebert extrem gefährlich. Heinrich Dorrenbach, Führer der »Volksmarinedivision«, fordert für seine Männer 80.000 Reichsmark Prämie. Als diese ihm verweigert wird, schließen die roten Matrosen einen Belagerungsring um die Reichskanzlei.
Der Reichskanzler sieht keinen Ausweg und ruft Groener über eine Geheimleitung in seinem Hauptquartier in Kassel an. Der erteilt General von Lequis den Befehl, in Berlin die Ordnung wieder herzustellen. Die Gardekavallerie-Schützendivision bezieht Stellung. Am 24. Dezember, um 7.40 Uhr, läßt Hauptmann Waldemar Pabst nach Ablauf eines Ultimatums das Feuer eröffnen. Zunächst kommt es nach knapp zwei Stunden zur Kapitulation der Roten, doch bald werden die Soldaten von aufgehetzten Massen überrannt, die aus allen Teilen der Stadt herbeilaufen. Die bolschewistische Revolution scheint endgültig die Oberhand gewonnen zu haben.
Genau in dieser Situation naht die Rettung. In der Stunde der größten Not finden sich Freiwillige zusammen, um den Staat vor dem Untergang zu bewahren. In Berlin hatte der Offizierstellvertreter Suppe bereits Mitte November eine Anzahl von ihm ergebenen Unteroffizieren um sich gesammelt, um sich der Revolte entgegenzustellen. Die Offiziere seiner Einheit waren aus der Kaserne verjagt worden. Der vom Rang eher niedrige Suppe ergriff deshalb die Initiative und sandte an alle Berliner Kasernen eine Depesche, in der er fronterfahrene Unteroffiziere aufforderte, sich im Universitätsgebäude zu melden, wo er mit seinen Soldaten Quartier bezogen hatte.
Schließlich kam es auf Betreiben von Ebert und Scheidemann zu einem Zusammenschluß mit der republikanischen Soldatenwehr des mehrheitssozialdemokratischen Platzkommandanten von Berlin, Major Otto Wels, der später noch als Vorsitzender der SPD zu größerer Bekanntheit gelangen sollte. Als die Reichskanzlei belagert wurde, besann sich Oberst Reinhard auf das Freikorps des Offizierstellvertreters Suppe und gliederte es in seine eigene Formation ein.
Rotmord regiert
Die Freikorps bilden sich nun in verschiedenen Teilen des Reiches. Im Osten entstand ein Grenzschutz, der das Reich gegen den wiedererstandenen polnischen Staat schützen sollte. Oberleutnant Gerhard Roßbach, der in den folgenden Jahren eine wichtige Führungsfigur der Freikorps werden sollte, bildete eine eigene Sturmabteilung und schlug die Polen in Ostpreußen zurück. In Schlesien bildete Leutnant Paulssen ein Freikorps und Major Hubertus von Aulock in Hannover.
Grundlegend für den weiteren Aufbau der Freikorps sollten aber vor allem die Aktivitäten des Generals Maercker werden, der das sogenannte »Freiwillige Landesjägerkorps« bildete. Seine Soldaten wurden auf die Regierung Ebert vereidigt und setzten sich vor allem aus älteren Offizieren zusammen. Im Gegensatz zum Feldheer kam es im beginnenden Bürgerkrieg auf eine besondere taktische Wendigkeit an. Es entstanden gemischte Abteilungen in Kompaniestärke, in denen es MG-Züge, Pioniere und bisweilen sogar Kavallerie gab.
Über die Motive der Freiwilligen schrieb der Freikorpsangehörige und spätere Schriftsteller Ernst von Salomon: »Wo war Deutschland? In Weimar? In Berlin? Einmal war es an der Front, aber die Front zerfiel. … War es beim Volk? Aber das schrie nach Brot und wählte seine dicken Bäuche. War es der Staat? Doch der Staat suchte geschwätzig seine Form und fand sie im Verzicht. Deutschland brannte dunkel in verwegenen Hirnen. Deutschland war da, wo um es gerungen wurde.«
Dieses Ringen um Deutschland sollte Jahre andauern. Zunächst galt es, Berlin zurückzuerobern und im Januar 1919 einen Spartakisten-Aufstand niederzuschlagen. Im Gefolge wurden die KPD-Führer Liebknecht und Luxemburg getötet. Im März brach in der Reichshauptstadt erneut ein roter Aufstand los. Es kam zu einem Generalstreik. Schließlich konnte der Marstall von der Volksmarinedivision zurückerobert und diese bolschewistische Formation endgültig zerschlagen werden.
In Bayern gab es parallel dazu heftige Auseinandersetzungen. Zwei Räterepubliken lösten einander ab. Der Rotmord regierte in München. Es kam zu üblen Massakern und blutigen Kämpfen, die schließlich von den einmarschierenden Freikorps Anfang Mai 1919 durch Gegenterror erstickt wurden.
Umschwung im Verhältnis zur Regierung
Im Baltikum wehrten sich die Freikorps tapfer gegen den Untergang des Deutschtums, das über Jahrhunderte das Land geprägt hatte. Die Truppen mußten sich sowohl gegen die Bolschewisten als auch gegen die nach staatlicher Eigenständigkeit strebenden Balten zur Wehr setzen. Schließlich griffen die Alliierten zugunsten der Letten ein. Die Reichsregierung sagte sich von den Freikorps los. Der Rückzug wurde unausweichlich.
Die baltische Tragödie sollte einen Umschwung im Verhältnis der Freikorps zur politischen Führung des Reiches bewirken. Hatte man sich zunächst seit der Gründung der Freiwilligenformationen zur SPD-geführten Reichsregierung loyal verhalten, wuchs nun die Verbitterung über den Verrat der im November 1918 an die Spitze gelangten Politiker ins Unermeßliche. Putschpläne wurden geschmiedet und der Regierung der Gehorsam aufgekündigt.
Am 13. März 1920 war es soweit: Mit Unterstützung der Freikorps versucht der ehemalige Generallandschaftsdirektor Wolfgang Kapp gemeinsam mit General von Lüttwitz die Reichsregierung zu stürzen. Diese flieht über Dresden nach Stuttgart. Doch der Kapp-Lüttwitz-Putsch bricht nach wenigen Tagen zusammen, weil die Gewerkschaften den Generalstreik ausrufen und nur Teile der Beamtenschaft die Putschisten unterstützen.
Wieder sind die Freikorps geschlagen und müssen sich zurückziehen. Doch bald werden sie wieder gebraucht. Im Ruhrgebiet bricht ein kommunistischer Aufstand los. General von Watter ruft die Freiwilligen in den Westen. Doch im Mai 1920 ist auch dieser Aufruhr niedergeschlagen. Die Freikorps werden aufgelöst. Das Reich erhält gemäß dem Versailler Vertrag ein 100.000-Mann-Heer. Die Führer der Freikorps haben darin keinen Platz, viele untere Ränge werden jedoch eingegliedert.
Wer nicht berücksichtigt wird, schließt sich meist einem der nun zahlreich entstehenden Ersatzorganisationen an. Aus der legendären Marinebrigade des Kapitäns Hermann Ehrhardt wird der »Bund Wiking«. In Bayern entsteht aus dem gleichnamigen Freikorps der »Bund Oberland«. Der bereits erwähnte Gerhard Roßbach faßt seine ehemaligen Freiwilligen in landwirtschaftlichen Arbeitsgemeinschaften zusammen. Auf diese Weise soll ein Auseinanderfallen der Formationen verhindert werden, weil man davon ausgeht, daß die Freikorps eines nicht allzu fernen Tages wieder gebraucht werden.
Sie waren keine »Faschisten«
Diese Vermutung sollte sich bald als richtig erweisen. Im Mai 1921 erfolgt in Oberschlesien der dritte polnische Aufstand seit 1918, weil sich bei einer Volksabstimmung die Mehrheit der Einwohner für Deutschland entschieden hat. Wieder eilen aus allen Teilen des Reiches Freiwillige in die vom Feind bedrohte Provinz. Am 21. Mai 1921 wird der Annaberg, das Wahrzeichen Oberschlesiens, von den Polen zurückerobert. Doch auf Druck der Alliierten werden wirtschaftlich wichtige Teile der preußischen Provinz an Polen angegliedert. Auf die Freikorps wird auf Geheiß des Auslandes erneut Druck ausgeübt, sich endgültig aufzulösen.
So muß man am Ende zu einem tragischen Resümee gelangen. Die Freikorps haben sich einem Staat zur Verfügung gestellt, den sie innerlich ablehnten. Ihnen ging es um die Aufrechterhaltung einer Ordnung, die im November 1918 jedoch zusammengebrochen war. Die Sozialdemokraten wiederum benutzten die Freikorps, um ihre Herrschaft gegen die Kommunisten zu sichern – ein Erbe, an das die SPD heute nur ungern erinnert wird. Um sich von diesem Makel zu befreien, werden die Freikorps von ihren Hofhistorikern pauschal als »faschistisch« dargestellt und jede positive Würdigung politisch verfolgt – und zum Teil auch juristisch, wie im Fall des Berliner NPD-Landesvorsitzenden und Bezirksverordneten Jörg Hähnel geschehen.



